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Keine Zeit fürs Klima: Moral im Zwiespalt

Richard David Precht trifft die Klimaaktivistin Luisa Neubauer. Sie sprechen über Moral, Krieg und Klima-schutz. Und darüber, wie man optimistisch bleibt in schweren Zeiten. Für viele junge Leute spielen moralische Werte heute eine deutlich wichtigere Rolle als für frühere Generationen. Moralische Anschauungen werden eng verbunden mit sozialem, ökologischem, ökonomischem und politischem Handeln. All dies findet sich in der Klimafrage wieder: Was ist eine gerechte Politik und welche Haltung sichert der Menschheit ihr Überleben?

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Greta Thunberg im Exklusiv-Interview

Greta Thunberg ist die Ikone der weltweiten Klimabewegung. 2018, im Alter von 15 Jahren, begann sie in Stockholm für mehr Klimaschutz zu streiken. Greta Thunberg bemängelt, dass die Klimakrise immer noch nicht als wirkliche Notlage behandelt werde. Die Corona-Pandemie habe gezeigt, dass dies durchaus möglich sei. Auch der Krieg dürfe nicht dafür sorgen, dass die Klimakrise aus dem Fokus gerät: „Jeder Krieg ist ein Desaster. Auf ganz vielen Ebenen. Aber wir müssen in der Lage sein, uns mit verschiede-nen Dingen zur selben Zeit zu beschäftigen.“

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Leben mit dem Klimawandel

Wenn wir ehrlich sind, haben wir den Kampf längst verloren: Wir werden den Klimawandel nicht mehr aufhalten und mit drastischen Umbrüchen leben müssen. Gert Scobel diskutiert mit Gästen.

Sind jetzt die Schwellenländer schuld?

24.11.2022

Schon wieder ging es an der Weltklimakonferenz nur einen Minischritt vorwärts. Die COP27 hat gezeigt: Alleine werden es die Politiker:innen nicht hinkriegen.

Von Daniel Stern, WOZ Nr. 47 – 24. November 2022

António Guterres ist in Sachen Weltklima längst zum moralischen Kompass geworden. Auch zum Abschluss der Weltklimakonferenz im ägyptischen Scharm el-Scheich (COP27) findet der Uno-Generalsekretär klare Worte: Die Konferenz habe zwar einen «wichtigen Schritt» Richtung Gerechtigkeit getan, sei aber in Bezug auf die Reduktion der Treibhausgasemissionen völlig ungenügend.

Blockaden von allen Seiten

Positiv beurteilt Guterres, dass neu ein Fonds für Verluste und Schäden eingerichtet werden soll. Einzahlen sollen Industriestaaten. Doch Guterres sagt auch, dass dieser Fonds längst nicht genüge. Die reichen Staaten müssen den Ländern des Südens auch mehr Geld geben, damit sie auf erneuerbare Energie umstellen und sich an die Erderhitzung anpassen können (siehe WOZ Nr. 45/22).

Und dann eben: die Emissionen. Sie steigen weiter. So bewegt sich die Welt unweigerlich auf eine «Krise biblischen Ausmasses» zu, so Guterres. «Ein Fonds für Verluste und Schäden hilft einem kleinen Inselstaat nicht, wenn er von der Landkarte gefegt wird, und auch nicht einem afrikanischen Land, das in eine Wüste verwandelt wird.»

Franz Perrez, Chef der Abteilung Internationales beim Bundesamt für Umwelt, hat die Schweiz als Delegationsleiter an der Klimakonferenz vertreten. Er zeigt sich im Gespräch mit der WOZ «enttäuscht» über ihren Ausgang: «So bleibt es beim hilflosen Versuch, das Problem in den Griff zu kriegen.» Die Schweiz hatte sich lange gegen den Fonds für Verluste und Schäden gesträubt. Nun moniert Perrez, dass die Schwellenländer nicht einzahlen müssen. Was auffällt: Er macht auch sonst ausschliesslich Schwellenländer für das enttäuschende Ergebnis der COP27 verantwortlich.

Ägypten als Gastgeberland habe das Ergebnis stark geprägt, Länder wie China wollten nicht in den neuen Geldtopf einzahlen oder lehnten wie Indien und Brasilien Gespräche über griffigere Umsetzungspläne beim Ausstieg aus der Kohle und dem Abbau von Subventionen für Erdöl und Erdgas ab. Staaten wie Saudi-Arabien und Südafrika hätten Gespräche blockiert, wie alle Finanzflüsse «klimakompatibel» ausgestaltet und damit die Finanzierungen neuer fossiler Projekte gebremst werden könnten. Südkorea schliesslich habe den nun viel kritisierten Passus in der Abschlusserklärung vorgeschlagen, in dem es heisst, die «sofortige, tiefe, schnelle und nachhaltige Reduktion der Treibhausgasemissionen» sei neben der Erhöhung von erneuerbarer auch mit «wenig emissionsreicher Energie» zu bewerkstelligen. Dieses «wenig emissionsreich» lässt viel Spielraum für Interpretationen offen. Doch zweifelt kaum jemand daran, dass damit auch der beschleunigte Abbau von Gasvorkommen und der Ausbau von Gasinfrastruktur gemeint ist.

Alle setzen auf Gas

Die Mitschuld der Schwellenländer am miserablen Ausgang der Konferenz ist offensichtlich. Doch verschleiert das Fokussieren darauf die Schuld der Industriestaaten, auch der Schweiz. Die meisten Industriestaaten, die aufgrund ihrer historischen Schuld, ihrer finanziellen Mittel und ihres Know-hows vorangehen müssten, machen viel zu wenig. Es gibt in der Abschlusserklärung der COP27 einen Passus, der anerkennt, dass die Staatengemeinschaft ihre Treibhausgasemissionen bis 2030 um 43 Prozent gegenüber 2019 reduzieren muss, damit die Erderwärmung 1,5 Grad nicht überschreitet. «Die Schweiz wird das ignorieren», prophezeit Patrick Hofstetter, Fachgruppenleiter Klima und Energie beim WWF und Mitglied der offiziellen Schweizer Verhandlungsdelegation in Scharm el-Scheich. «Sie hat aktuell noch keinen vom Volk abgesegneten Plan, wie sie die bereits eingereichten Ziele erreichen kann.»

Franz Perrez sagt: «Alle Industriestaaten wollten diesmal griffigere Massnahmen beschliessen. Ebenso die progressiven lateinamerikanischen Staaten, die kleinen Inselstaaten und die Gruppe der ärmsten Länder. Es waren tatsächlich die Schwellenländer, die eins ums andere blockierten.» Staaten wie Saudi-Arabien argumentieren: Wer Öl und Gas fördert, ist nicht schuld an den hohen Treibhausgasemissionen. Schuld sei, wer die fossilen Energieträger verbrenne. Natürlich ist das verkürzt. Denn würde Saudi-Arabien kein oder nur wenig Öl fördern, würde der Druck auf alle Staaten massiv steigen, von Benzin und Diesel wegzukommen. Dennoch: Die Argumentation hat einen richtigen Kern. Denn ganz offensichtlich sind die meisten Staaten nicht willens, rasch und schnell aus der fossilen Wirtschaft auszusteigen. Im Gegenteil: Besonders die Gasförderung wird seit dem Krieg gegen die Ukraine rund um den Globus noch zusätzlich angetrieben. So ist etwa Ägypten zu einem grossen Gasexporteur in die EU geworden. Der heimische Verbrauch wurde dabei reduziert, indem nun statt Erdgas viel mehr dreckiges Rohöl in den thermischen Kraftwerken verbrannt wird.

Die EU argumentierte bereits vor dem Krieg, Erdgas sei eine «Brückentechnologie», und stufte sie als «nachhaltig» ein, weil bei seiner Verbrennung weniger Treibhausgase entstehen als bei der von Kohle. Auch der Bundesrat will neue Gaskraftwerke für die «Energiesicherheit» bauen. Franz Perrez sagt, das sei alles «vorübergehend». Doch was für Signale werden damit in die Welt gesendet? Jährlich werden für 630 Milliarden US-Dollar neue Gasinfrastrukturprojekte hochgezogen. Förderanlagen, Pipelines, Verflüssigungsanlagen und Terminals werden, wenn sie einmal gebaut sind, nicht so schnell wieder stillgelegt. Die Erderwärmung um 1,5 Grad, die «rote Linie», wie Guterres sagt, wird so wohl schon um 2030 überschritten. Die Folgen wären unabsehbar, da mit dem Erreichen von Klimakipppunkten eine nicht mehr aufhaltbare Eskalation in Gang gesetzt werden könnte.

Auch die Weltbank ist gefordert

An der COP27 waren laut der NGO Global Witness 636 Lobbyist:innen der fossilen Industrie anwesend – darunter die CEOs von BP, Total und Shell. Ägypten und andere gasexportierende Länder haben die Konferenz für den Abschluss neuer Gasverträge genutzt. Allerdings wurden auch andere Verträge unterzeichnet: Patrick Hofstetter vom WWF spricht von «unzähligen und teilweise grossen Deals» für nachhaltige Energie. «Es gibt einen Wahnsinnsboom, vor allem im Bereich Solarenergie», sagt er. Wichtig wäre dabei allerdings, dass die Weltbank endlich eine führende Rolle übernähme: «Investitionen in Entwicklungsländern haben immer ein erhöhtes Ausfallrisiko. Dafür braucht es eine Grundabsicherung.»

Doch so wichtig die Investitionen in nachhaltige Energien auch sind: Solange die Emissionen nicht schnell und nachhaltig sinken, wird unter dem Strich einfach mehr Energie verbraucht. «Es braucht ein Ende der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern», sagt Guterres. Um das zu erreichen, da sei er sich sicher, genügten die Klimakonferenzen nicht. Die wichtigste Energiequelle sei die Macht der Menschen – «people power». Man dürfe nicht auf ein Wunder warten: «Jeder Einzelne von uns muss jeden Tag in den Schützengräben kämpfen.»

Lützerath Unräumbar!

04.01.2023. Die Bagger im Tagebau Garzweiler II stehen direkt vor Lützerath. Seit fast zwei Jahren organisieren Menschen in Lützerath den Widerstand gegen den Abbau von Braunkohle, gegen die Zerstörung unserer Lebensgrundlage. Auf rechtlicher Grundlage gehört das Land auf dem Lützerath steht RWE. Auch die Grünen haben der Zerstörung Lützeraths und damit dem Nicht-Einhalten der 1,5 Grad – Grenze zugestimmt. Aber nicht mit uns!

Rückzug der Gletscher-Initiative für breit abgestütz-ten Gegenvorschlag

05.10.2022. Das Parlament hat in der Herbstsession einen indirekten Gegen-vorschlag zur Gletscher-Initiative verabschiedet. Mit dem Vorschlag ist wirksamer und rascher Klimaschutz in der Schweiz möglich, weshalb das Initiativkomitee die Gletscher-Initiative bedingt zurückzieht.

Die Initiantinnen und Initianten machen den Weg frei für einen Meilenstein in der Klimapolitik. Das vorgelegte Gesetz bringt Klimaschutz, Innovation und Energiesicherheit und geniesst breite Unterstütz-ung von Parlamentarier-innen und Parlamentariern aus FDP, Mitte, GLP, SP und Grünen.

Die SVP hat bereits das Referendum angekündigt. Das überraschte die Initiantinnen und Initianten nicht. Erneut schürt die SVP Panik und Angst in einer Krisensituation, in welcher gemeinsame Lösungen und Verantwortung gefragt sind. «Indem wir die Gletscher-Initiative zugunsten des Gegenvorschlags zurückzie-hen, sorgen wir für einen schnellen Weg zu einer klimaverträglichen Schweiz und nehmen unsere Verantwortung wahr», betont Stefan Engler, Mit-Initiant und Ständerat der Mitte. Er ist zuversichtlich, dass der Gegenvorschlag zur Gletscher-Initiative an der Urne eine Mehrheit finden wird.